Archiv für den Tag: 16. Oktober 2026

Der Jazz frisst seine Kinder

ich weiß, es war Uranus (erinnere mich an das Bild von Goja), und ich weiß, was unten steht, darum erweitere ich die Überschrift zur Frage:
Der Jazz frisst seine Kinder, oder liegt die Kunst in der Subversion – in der Verweigerung?

Kann es denn Kunst sein, wenn der öffentliche Diskurs fehlt, eben weil pure Verweigerung eine Lücke nicht darstellen kann /will? Es wird nur etwas vermisst, was zuvor bezeichnet war, und als solches einen absichtlich nicht besetzen Raum markiert. Verweigerung ist auf persönlicher Ebene nachvollziehbar, bringt im Betrieb jedoch nichts.

Zum Jazz: Ich glaube, einige Kollegen fühlen die Verbindung zur Gesellschaft nicht wirklich. Deren Musik schwebt als abstraktes Feld über den Dingen, dies fängt bei den bedeutungslosen Titeln an, und endet bei einem Sound, der nichts mit einer außermusikalischen Wirklichkeit zu tun haben will. Sie spiegelt Subversion ist es aber selber nicht (und lasse die ganze Soziologie des Jazz weg).
Das Substanzielle eines Aylers oder Brötzmanns wirkt eher eingeschoben als real geboten empfunden. Existenziell eben (nicht zuletzt im Bezug zur philosophisch, gesellschaftlichen Strömung des Existenzialismus).
Fakt ist, dass das Publikum nicht jünger wird, vielleicht noch bei den Aktiven und durchaus talentiert.
‚New Direktions‘ von Jack DeJohnette durch Zufall lag eben auf dem Teller, welch ein Unterschied – aber ich habe sie 1979 noch live erlebt. Myra Melfords Fire and Water Quintet sind sicher die legitimen Erben – aber reicht das? Ist supergut auch aktuell?

Gut, der Klassik sterben die Hörer weg, und mit ‚Spektakel‘ die Leute in den Konzertsaal zu holen, wird keine langfristige Strategie sein können.
Und dieses Rumbiegen an den Opern im Regietheater, dieses auf den ‚Stand‘ heben, da ist mir das postdramatische Musiktheater bald lieber, bei dem das Werk als Material dient – dort kommt vielleicht etwas ‚Neues‘ zustande. (Wäre aber ein sehr postmoderner Ansatz – also schon wieder rückwärts gewandt.)
Also liebe Dirigenten mit Ambition, schreibt eure Ideen doch aufs Blatt. Ansonsten bitte besinnt Euch – ihr seid Interpreten und haltet die Veranstaltung zusammen – wunderbar. (Da bin ich ganz bei Schubert, der einklagte, dass die ausführenden Musiker doch bitte spielen und nicht groß reden mögen.)

Überleitung: warum krankt es in der Gesellschaft an allen Ecken und Kanten?
Wir haben an Identität verloren, denken uns im Wohlstand weiter entwickelt zu haben – weit gefehlt. Der Kapitalismus ist wieder nur an seine Grenzen gestoßen, und windet sich in den alten Werten – was letztlich Krieg bedeutet.
Entwickelt sich eine Gesellschaft nicht weiter, stagnieren die Künste, wird in Bereichen restaurativ, auch wenn es auf dem ersten Blick anders erscheint. Aktuelle Kunst sollte sperrig, widersprüchlich (subversiv) sein, damit der geneigte Hörer oder Betrachter durch Nah- und Fernsicht zur Einsicht gelangen könnte, das Glitzern der Oberfläche (als Metapher) ist zu vermeiden – es stellt nicht eine Frage, gibt nicht eine Richtung.
Unsere westeuropäische ‚Leit’kultur ist zum globalen Standart mutiert, andere Kulturen halten mit guten oder schlechten Mitteln berechtigter Weise dagegen (documenta 15). Da bekommt der Ausdruck CultureClash neuen Wert und wird einfach weggeatmet.
Das Integrative versagt unter dem Druck des Kapitals.
Mit solidarischem Verhalten hätten wir eine Chance, aber als nationalstaatlich organisierte Gemeinschaften, die auf Wachstum programmiert sein müssen ist dies nicht der Fall, weil sie in Konkurrenz stehen, und nur der Vorteil Gewinn erbringt. Dieser Vorteil wird durch Menschen innerhalb einer heute abstrakt definierten Gemeinschaft (nicht mehr Volk) erwirtschaftet, und wenn möglich gehalten, wenn möglich verteidigt, wenn möglich ausgeweitet. Und wenn diese Gemeinschaft sich an den Rändern auflöst – die Grenze zum Feld wird, was gerade bei den westeuropäischen Ländern der Fall ist – werden die Marken gerissen, die durch Vorteile und Ausbeutung der Länder des globalen Südens lange gehalten werden konnten. Zumal aufstrebende Länder wie China und Indien aus der Knechtschaft gelernt haben und leider auf dem selben fatalen Weg wie wir eingeschlagen sind (das ist keine Kritik an Deng Xiaoping – man muss erstmal eine Milliarde Menschen ernähren – dann kommt die Moral). Sie glauben sich zu befreien, haben aber neben übernommener Kleidung und industrieller Produktion, die Planwirtschaft wieder verworfen und keine alternativen Ideen entwickeln können. Da alles mit allem zusammen wirkt, ist der wirtschaftliche Clash programmiert. Kriege kann man nicht mehr als Ressentiment verkaufen (außer Israel vs Iran), es geht ganz einfach um knallharte wirtschaftliche Interessen.

Retour: Was hat die große politische Wetterlage das mit den Künsten zu tun?
Sie entwickeln sich nicht mehr – Stillstand seit 2001?, das Ende der Postmoderne?
Bedenklich hierbei ist, dass wir noch nicht einmal wissen, wann sie durch etwas anderes ersetzt worden ist, und schon gar nicht mit was. Es bleibt die Rettung im Sprung in die kuratierte Form.

Was hat das mit dem Jazz zu tun?
Der ist eigentlich tot – er überlebt nur in Nischen, manchmal mit hervorragenden Musikern, aber ohne grundlegend neue Ideen.

Relevante Äußerungen liegen eher im populären Bereich wie Rap, HipHop, dem einen oder anderen Film, bei der Literatur gilt ähnliches für die Sprache – als sei es gerade gestern. In der bildenen Kunst, sind die Kuratoren und Markt wichtiger geworden als das Exponat selbst – hier gibt es durchaus Verwandtes zum Regietheater.
Und wenn es einem scheint, dass ein ’normaler‘ Kriegsfilm dichter an der Realität ist, als all die gespielte Empfindsamkeit einer maroden Gesellschaft, haben wir ein Problem.

Mitnehmen ohne zu restaurieren, Emphase mit Sinn (bewußte Trennung von Inhalt und Form), auf ein Ziel verweisen (Richtung geben). Zuversicht.
Also im eingeschränkten Maß ideologisch, ohne programmatisch, schon gar nicht propagandistisch zu sein.
Ob das reicht?